Veröffentlicht in Blog, Kreativ

Von Prinzen und dunkeln Nächten

Es ist kalt. Ein eisiger, unbarmherziger Wind fegt durch die Straßen, dringt durch Mark und Bein. Es regnet. Und es hört nicht auf. Die Nässe setzt sich auf der Kleidung fest und dringt immer tiefer ein. Und dann ist da der Wind, der ohne Gnade durch die nasse Kleidung dringt. Doch sie steht hier draußen, im Regen, in der Kälte. Ein kleiner, roter Regenschirm soll sie trocken wahren. Doch der hilft wenig gegen die Kälte. Ein kleines Jäckchen bedeckt dürftig ihre schmalen Schultern. Der Reißverschluss ist nur halb zu. Der Blick wandert schnell auf die halb entblößte Brust. Ein Lockmittel, ein Verkaufsargument. So auch der Rock, der kaum breiter als ein Gürtel ist. Einzig die Stiefel, die hochhakigen Lackstiefel, lassen hoffen, dass wenigstens die Füße trocken und warm bleiben

Jeden Abend steht sie hier. Ob es regnet oder die Sonne scheint. Tag ein, tag aus. „So ist das Leben. Es muss irgendwie weiter gehen.“ meint sie schulterzuckend. Von irgendetwas müsse sie ja leben. „Man darf die Hoffnung nie aufgeben.“ Die Hoffnung worauf? Auf ein besseres Leben? Einen anderen Job? Den Prinzen auf dem weißen Ross, der sie da heraus holt und in sein Schloss bringt? Oder einfach nur darauf, dass heute Abend mal wieder ein paar Kunden mehr ihre Dienste in Anspruch nehmen und die vielleicht mal wieder ein paar Euro mehr bezahlen? Dass sie am Ende der Nacht tatsächlich etwas mehr Geld hat und sich die Tortur wenigstens gelohnt hat? Wie ist es nur so weit gekommen?

Ein Schicksalsschlag, einmal Drogen probiert, da einfach so reingerutscht. Das Leben entgleitet ihr. Sie verliert die Kontrolle. Da ist dieser Prinz, der ihr Zuflucht bietet. Doch schon nach kurzer Zeit verwandelt sich Prinz Charming wieder zurück. Ihm rutscht die Hand aus. Er will, sie nicht, er zwingt sie. Sie weint, sie will weg. Wohin denn? „Du bist nichts wert! Sei dankbar, dass ich mich um dich kümmere.“ Schläge, Misshandlungen, Missbrauch. Tag ein, tag aus, bis sie nicht mehr kann. Sie läuft davon. Aber wohin? Sie braucht Geld, aber wie verdienen? „Du bist nichts wert. Du kannst nichts. Du bist nicht gut genug.“ Immer wieder die gleichen Worte. Damals vom Vater, von der Lehrerin, von ihm und bei jedem Versuch einen Job zu bekommen.

Also geht sie auf die Straße. Sie macht sich zurecht, zwängt sich in ein knappes Top, zieht die hohen Schuhe an. Und dann steht sie da, stellt sich den lüsternen Blicken der Männer. Da kommt auch schon der erste. Er mustert sie, er geht vorbei. Schon wieder nicht gut genug. Der nächste schaut sie kurz an und dreht sich schnell wieder weg. Die Minuten ziehen sich endlos dahin. Eine Dame mittleren Alters eilt an ihr vorbei, sieht sie schockiert an. „Eine Nutte! Wie kann man nur?“

Die Nacht ist lange, fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Nur gelegentlich zeigt einer Interesse. Um 5 Uhr morgens torkelt sie nach Hause. Durchgefroren, müde, entwürdigt, benommen. Die Füße schmerzen. Die innere Leere benebelt ihr die Sinne. Das Geld reicht gerade für den nächsten Einkauf. Sie legt sich ins Bett, versucht zu schlafen. Am Abend steht sie wieder da. Sie versucht ihr Glück erneut. Wie lange sie schon hier ist? Ein paar Tage, Monate, Jahre? Die Linien verschwimmen, die Zeit verliert sich. Sie hat den Überblick verloren. Sie steht in der Kälte, im Regen und wartet darauf, dass die Nacht vorbei geht.

Dann stehen auf einmal zwei junge Frauen da. Sie sind dick eingepackt in Regenjacken. Die arbeiten bestimmt nicht hier. Sie lächeln, kommen genau auf sie zu. „Wollen die zu mir?“ Ja, sie wollen ihr einen Kaffee oder Tee anbieten. Einfach so? Ja, und Schokolade gibt es auch noch dazu. Sie lächeln, sind nett. Wie es ihr gehe, fragen sie. Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Das heiße, stark gesüßte Getränk tut gut. Die Frauen wollen plaudern. Wollen wissen, wie es ihr wirklich geht. Fragen sie, ob sie Familie hat. Sie weiß nicht, was sie antworten soll. Nach ein paar Minuten machen sich die beiden Fremden wieder auf. Noch eine leichte Berührung an der Schulter. Noch ein liebes Lächeln. „Pass auf dich auf!“- „Nächste Woche kommen wir wieder!“ Und dann ziehen sie weiter, zu der nächsten Frau, die ebenfalls frierend dasteht. Noch immer prasselt der Regen unbarmherzig nieder. Noch immer ist es kalt. Der Kaffee wärmt von innen und bringt die Frage mit sich, ob es doch noch Menschen gibt, die sich tatsächlich für sie interessieren. Ob ihr Märchen doch irgendwann noch wahr werden könnte?

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