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Vom Schulhof auf den Straßenstrich

Er lädt sie zum Essen ein und schenkt ihr teure Parfüms. Sobald sie ihm vertraut, ist es vorbei mit der Romantik. Sie soll als Prostituierte Geld verdienen. Loverboys täuschen eine Beziehung vor, um junge Frauen anschließend gnadenlos auszubeuten.

Berlin. Es ist eine kalte, dunkle Novembernacht. Die Oranienburger Straße ist hell beleuchtet. Ein junger Inder versucht die zahlreichen Touristen, die vorbei spazieren, charmant in sein Restaurant zu locken. Die Musik einer nahe gelegenen Bar mischt sich in das Stimmengewirr. In dieser lebendigen Szene fällt sie fast nicht auf. Sie steht abseits am Straßenrand und raucht eine Zigarette. Zu den schwarzen Leggins trägt sie eine schwarze Korsage und hochhackige, mit Nieten besetzte Stiefel. Das lange dunkle Haar ist zu einem Zopf hochgebunden. In ihrem zierlichen Gesicht stechen die falschen Wimpern und der knallrote Lippenstift heraus. Wahrscheinlich ist sie höchstens 20 Jahre alt.

Die meisten Frauen steigen wegen einer wirtschaftlichen Notsituation, um schnell viel Geld zu verdienen, in die Prostitution ein, oder sie werden von einem Loverboy dazu gebracht. Oft überschneidet sich beides. Ein Loverboy täuscht einer jüngeren Frau die große Liebe vor, um sie anschließend in die Prostitution zu drängen. Das ist eine Form von Zuhälterei. Der Trick mit der Liebe ist nicht neu. Seit einigen Jahren spricht man von der „Loverboy-Masche“, die hierzulande gerade bei deutschen Mädchen gezielt angewendet wird.

Der erste Kontakt kann auf dem Schulhof, in der Disco oder in einem Jugendtreff stattfinden. Er schenkt ihr Beachtung, macht Komplimente und umwirbt sie. Zu Beginn mimt er den perfekten Gentlemen, sodass sie ihr Glück kaum fassen kann. Doch dahinter steckt ein abgekartetes Spiel und das Opfer wurde sorgfältig ausgesucht.

„Sie nehmen nicht jede, aber jeder kann es passieren“, sagt Barbara Eritt von der Berliner Fachberatungsstelle In Via. Seit 20 Jahren betreut sie Frauen, die aus der Prostitution aussteigen wollen. Es seien viele Deutsche zwischen 18 und 25 dabei, wobei die Zahl der Minderjährigen zunehme. Der Loverboy sucht Mädchen, die sich in einer Krise befinden. Das kann ein Umzug, die Scheidung der Eltern oder Mobbing in der Schule sein. „Die Geschichten sind alle unterschiedlich, aber es handelt sich immer um ein Moment der Schwäche“, betont Eritt. Da setzt der Loverboy an. Er gibt ihr die Bestätigung, die sie sucht, sodass sie sich geschmeichelt fühlt. Er wirft mit Geld um sich und erfüllt ihr ihre Träume. „So banal die Methode ist, sie funktioniert.“

Je jünger das Mädchen ist, desto leichter wird es für ihn. Das Gesetz schützt Frauen bis 21 Jahre stärker, weil bis dahin die Persönlichkeit noch nicht gefestigt ist und sie leichter manipulierbar sind. Besonders verheerend sei es, wenn ein Kind von unter 14 Jahren missbraucht werde, so die Sozialarbeiterin Eritt. Solche Opfer lernen nie, anderen Menschen zu vertrauen. Wenn Teenager betroffen sind, ist es schwierig, die Anzeichen zu sehen und richtig zu deuten. „Es ist während der Pubertät vollkommen normal, dass ein Mädel Frau sein will, als schön wahrgenommen werden möchte und die Aufmerksamkeit von den Jungs sucht. Wenn aber ein Defizit an Liebe dazukommt, ist das eine ganz doofe Mischung“, so Tabea Dorka. Sie ist Koordinatorin für das Schulungsprogramm „Liebe ohne Zwang“ des Netzwerks gegen Menschenhandel, das in Schulen über die „Loverboy-Masche“ aufklärt. Als Mitarbeiterin eines Frauen-Schutzhauses betreut sie Opfer nach ihrem Ausstieg aus der Prostitution. 

Ihr ist aufgefallen, dass Betroffene die Fähigkeit verloren haben zu lieben oder zu glauben, dass sie geliebt werden. Sie erzählt, dass die Frauen nur schön aussehen wollen, um ihm zu gefallen und sich dabei selbst aufgeben. Sie fürchten sich, dass sie ihren Freund verlieren könnten, wenn sie ihm sexuell nicht geben, was er will. Was die Sozialarbeiterin berichtet, bestätigt die Psychotherapeutin Tabea Freitag. Freitag befasst sich vorwiegend mit dem Thema Internetpornografie und den Auswirkungen auf Beziehungen. Durch den Missbrauch verlieren die Frauen ihr Selbstvertrauen. Sie können ihrer Intuition nicht mehr vertrauen, weil sie so schwer getäuscht wurden.

Eine besonders große Gefahr lauert im Internet. Das Netzwerk gegen Menschenhandel versucht bei Schulungen, genau das zu vermitteln. Wenn die Möglichkeit besteht, schicken sie den teilnehmenden Schülern vorab eine Facebook-Freundschaftsanfrage von einem jungen, gut aussehenden Typen. „Das ist sehr wirkungsvoll“, meint Tabea Dorka, „denn in diesem Moment wird es für sie real.“ Manche nehmen die Freundschaftsanfrage an und gelangen dadurch zu der Erkenntnis: „Ups, bis jetzt dachte ich, dass es mir nicht passieren kann.“

Über Social Media ist es einfach etwas vorzuspielen, ohne dass der andere die Wahrheit herausfinden kann. „Social Media ist ein prima Forum, die Informationen zu sammeln, die ich gerade brauche, um meine Strategie voll anzuwenden“, sagt der Dezernatsleiter Strehlow von der Berliner Polizei. Sie spionieren ihre Opfer online aus und finden so heraus, ob der Rückhalt von Freunden und Familie gerade nicht da ist oder das Geld knapp ist. Sie erfahren alles über ihre Vorlieben, Träume und Wünsche. So können sie als Helden auftreten.  

Der typische Loverboy ist zwischen 18 und 30 Jahre alt. Andreas Marquardt weiß, was einen Mann dazu treibt, Frauen auszubeuten. Er saß achteinhalb Jahre im Gefängnis unter anderem wegen Zuhälterei. Seine Mutter hatte ihn als Kind jahrelang missbraucht. „Dadurch habe ich ein falsches Frauenbild eingeprägt und angefangen Frauen zu hassen.“ Er wollte Frauen quälen und konnte damit sogar Geld verdienen. Oft schließen sich die Männer schon als Jugendliche einer Gang an, die zu einem Familienersatz wird. So kommen sie früh in Kontakt mit Drogen, Waffen und begehen erste Straftaten. Die gut aussehenden werden zu Loverboys ausgebildet.

Ist das Mädchen von seiner Liebe überzeugt, wendet sich das Blatt. In einem Fallbeispiel der Dortmunder Mitternachtsmission erzählt die 15-jährige Chrissie, dass ihr Freund Hussein hohe Spielschulden habe und deshalb sogar mit dem Tod bedroht werde. Aus Liebe habe sie eingewilligt, auf den Strich zu gehen, obwohl sie es ganz schrecklich findet. Die Kunden seien zum Teil sehr brutal zu ihr. Auch als sie erfährt, dass noch andere Frauen für ihn anschaffen, glaubt sie weiter an die Zukunft mit ihm. Es sind in allen Geschichten die finanziellen Schwierigkeiten, die plötzlich den Traum vom gemeinsamen Leben bedrohen.

Hussein hat es auch geschafft, seine Chrissie von ihrer Familie zu entfremden. Da ihre Eltern mit dem Freund nicht einverstanden sind, läuft sie von zu Hause weg. Den Eltern zufolge sei das Problem, dass er zehn Jahre älter ist und einen negativen Einfluss auf ihre Tochter habe. Diese trägt auf einmal aufreizende Kleider, lässt sich seinen Namen tätowieren, schwänzt die Schule und kommt nachts häufig nicht nach Hause. Hilflos sehen die Eltern zu, wie ihnen ihre Tochter entgleitet. Erst durch den Kontakt mit der Mitternachtsmission findet die Familie wieder zusammen. Die Mitarbeiter merken, dass bei Chrissie Zweifel aufkommen, aber der Weg zum Ausstieg ist lang.

„Meistens ist es ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt und dann steht die Entscheidung: Ich brauche Unterstützung“, sagt René Schumacher vom Landeskriminalamt Berlin. Wenn der Punkt erreicht ist, wenden sich die Frauen an die Polizei oder an Fachberatungsstellen. Es kann allerdings passieren, dass sich der Loverboy wieder bei ihr meldet und erneut den lieben Freund spielt. Dadurch ziehen viele ihre Anzeige zurück. „Oft fühlen sich die Betroffenen gar nicht geschädigt, denn man macht es aus tiefster Liebe. Diese ist leider einseitig“, fügt Strehlow hinzu.

Die Frustration über die deutschen Gesetze ist den Beamten vom Landeskriminalamt anzumerken. Sie wissen, was auf der Straße, in den Bordellen und Wohnungen geschieht, aber sie können wenig unternehmen. Prostitution ist legal in Deutschland. Mit dem Prostituiertengesetz von 2002 hob der Gesetzgeber die letzten Einschränkungen auf, weil er die Rechte der Frauen stärken wollte. Dadurch verlor die Polizei die Möglichkeit, das Gewerbe zu kontrollieren. Damit Menschenhändler angeklagt werden und ein Gerichtsprozess stattfindet, muss die betroffene Person gegen den Täter aussagen. Dies passiert oft nicht.

Bei einer Minderjährigen ist es einfacher. Prostitution ist erst ab 18 Jahre erlaubt. Findet die Polizei eine unter 18-Jährige, leitet sie das Verfahren selber ein, ohne dass sie die Aussage des Opfers braucht. Das wissen auch die Menschenhändler und Zuhälter. Minderjährige werden deshalb so gut versteckt, dass die Polizei nur schwer mit ihnen in Kontakt kommt. Man hält sie in Privatwohnungen und vermittelt sie direkt über Kontakte im Milieu. Auf Anruf werden die Mädchen zum Kunden gebracht, weiß Barbara Eritt von In Via.

Die Beratungsstelle In Via betreut Opfer von Menschenhandel. Sie sind für die Frauen da, begleiten und unterstützen sie. Die Betroffenen sind oft psychisch instabil, traumatisiert und brauchen eine Therapie, um das Erlebte zu verarbeiten. Wichtig sei vor allem ein Umfeld, das sie nicht verurteilt, sondern mit Unterstützung und Verständnis reagiert, erklärt Eritt.

Chrissies Eltern haben sie mit offenen Armen wieder aufgenommen. Die Mitarbeiter der Mitternachtsmission holten sie zweimal aus einer schlimmen Situation heraus, bis sie den Ausstieg wirklich schaffte. Chrissie schämt sich für all das, was sie getan hat. Und doch ist ihr Beispiel eines der wenigen mit einem Happy End. Sie schließt die Schule ab und kann eine Ausbildung anfangen. Ihrer ehemaligen Kolleginnen hingegen stehen immer noch in der Kälte auf den Straßen Deutschlands.

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Von Prinzen und dunkeln Nächten

Es ist kalt. Ein eisiger, unbarmherziger Wind fegt durch die Straßen, dringt durch Mark und Bein. Es regnet. Und es hört nicht auf. Die Nässe setzt sich auf der Kleidung fest und dringt immer tiefer ein. Und dann ist da der Wind, der ohne Gnade durch die nasse Kleidung dringt. Doch sie steht hier draußen, im Regen, in der Kälte. Ein kleiner, roter Regenschirm soll sie trocken wahren. Doch der hilft wenig gegen die Kälte. Ein kleines Jäckchen bedeckt dürftig ihre schmalen Schultern. Der Reißverschluss ist nur halb zu. Der Blick wandert schnell auf die halb entblößte Brust. Ein Lockmittel, ein Verkaufsargument. So auch der Rock, der kaum breiter als ein Gürtel ist. Einzig die Stiefel, die hochhakigen Lackstiefel, lassen hoffen, dass wenigstens die Füße trocken und warm bleiben

Jeden Abend steht sie hier. Ob es regnet oder die Sonne scheint. Tag ein, tag aus. „So ist das Leben. Es muss irgendwie weiter gehen.“ meint sie schulterzuckend. Von irgendetwas müsse sie ja leben. „Man darf die Hoffnung nie aufgeben.“ Die Hoffnung worauf? Auf ein besseres Leben? Einen anderen Job? Den Prinzen auf dem weißen Ross, der sie da heraus holt und in sein Schloss bringt? Oder einfach nur darauf, dass heute Abend mal wieder ein paar Kunden mehr ihre Dienste in Anspruch nehmen und die vielleicht mal wieder ein paar Euro mehr bezahlen? Dass sie am Ende der Nacht tatsächlich etwas mehr Geld hat und sich die Tortur wenigstens gelohnt hat? Wie ist es nur so weit gekommen?

Ein Schicksalsschlag, einmal Drogen probiert, da einfach so reingerutscht. Das Leben entgleitet ihr. Sie verliert die Kontrolle. Da ist dieser Prinz, der ihr Zuflucht bietet. Doch schon nach kurzer Zeit verwandelt sich Prinz Charming wieder zurück. Ihm rutscht die Hand aus. Er will, sie nicht, er zwingt sie. Sie weint, sie will weg. Wohin denn? „Du bist nichts wert! Sei dankbar, dass ich mich um dich kümmere.“ Schläge, Misshandlungen, Missbrauch. Tag ein, tag aus, bis sie nicht mehr kann. Sie läuft davon. Aber wohin? Sie braucht Geld, aber wie verdienen? „Du bist nichts wert. Du kannst nichts. Du bist nicht gut genug.“ Immer wieder die gleichen Worte. Damals vom Vater, von der Lehrerin, von ihm und bei jedem Versuch einen Job zu bekommen.

Also geht sie auf die Straße. Sie macht sich zurecht, zwängt sich in ein knappes Top, zieht die hohen Schuhe an. Und dann steht sie da, stellt sich den lüsternen Blicken der Männer. Da kommt auch schon der erste. Er mustert sie, er geht vorbei. Schon wieder nicht gut genug. Der nächste schaut sie kurz an und dreht sich schnell wieder weg. Die Minuten ziehen sich endlos dahin. Eine Dame mittleren Alters eilt an ihr vorbei, sieht sie schockiert an. „Eine Nutte! Wie kann man nur?“

Die Nacht ist lange, fühlt sich wie eine Ewigkeit an. Nur gelegentlich zeigt einer Interesse. Um 5 Uhr morgens torkelt sie nach Hause. Durchgefroren, müde, entwürdigt, benommen. Die Füße schmerzen. Die innere Leere benebelt ihr die Sinne. Das Geld reicht gerade für den nächsten Einkauf. Sie legt sich ins Bett, versucht zu schlafen. Am Abend steht sie wieder da. Sie versucht ihr Glück erneut. Wie lange sie schon hier ist? Ein paar Tage, Monate, Jahre? Die Linien verschwimmen, die Zeit verliert sich. Sie hat den Überblick verloren. Sie steht in der Kälte, im Regen und wartet darauf, dass die Nacht vorbei geht.

Dann stehen auf einmal zwei junge Frauen da. Sie sind dick eingepackt in Regenjacken. Die arbeiten bestimmt nicht hier. Sie lächeln, kommen genau auf sie zu. „Wollen die zu mir?“ Ja, sie wollen ihr einen Kaffee oder Tee anbieten. Einfach so? Ja, und Schokolade gibt es auch noch dazu. Sie lächeln, sind nett. Wie es ihr gehe, fragen sie. Sie nimmt einen Schluck Kaffee. Das heiße, stark gesüßte Getränk tut gut. Die Frauen wollen plaudern. Wollen wissen, wie es ihr wirklich geht. Fragen sie, ob sie Familie hat. Sie weiß nicht, was sie antworten soll. Nach ein paar Minuten machen sich die beiden Fremden wieder auf. Noch eine leichte Berührung an der Schulter. Noch ein liebes Lächeln. „Pass auf dich auf!“- „Nächste Woche kommen wir wieder!“ Und dann ziehen sie weiter, zu der nächsten Frau, die ebenfalls frierend dasteht. Noch immer prasselt der Regen unbarmherzig nieder. Noch immer ist es kalt. Der Kaffee wärmt von innen und bringt die Frage mit sich, ob es doch noch Menschen gibt, die sich tatsächlich für sie interessieren. Ob ihr Märchen doch irgendwann noch wahr werden könnte?